Was passiert eigentlich hinter den Gardinen, wenn die Straße vormittags leer ist? Diese Geschichten erzählen davon. Sie spielen in Großstadtvierteln und Vororten, in Altbauküchen und Reihenhausgärten, und im Mittelpunkt stehen Hausfrauen zwischen Ende zwanzig und Mitte fünfzig: eine junge Mutter, die zwischen Kita und Abholzeit plötzlich Herzklopfen hat, eine Frau, deren Mann wochenlang auf Montage ist, eine Nachbarin, die mit einem Kuchen vor der falschen Tür steht.
Jede Erzählung hat ihren eigenen Schauplatz, ihren eigenen Ton und ihre eigene Wendung. Manche sind zärtlich, manche verschmitzt, manche überraschend nachdenklich. Gemeinsam ist ihnen der Moment, in dem eine Frau beschließt, dass ein Vormittag auch ihr gehören darf. Die Texte bleiben andeutend, wo es privat wird, und überlassen den Rest deiner Vorstellung.
Such dir eine Stadt aus, die du kennst, und lies, was sich dort zugetragen haben könnte. Und wenn dich eine Geschichte auf Ideen bringt, sieh dir die Hausfrauen aus deiner Gegend an. Die eine oder andere hat vielleicht gerade einen freien Vormittag.
Drei Dienstage lang kommt Jonas in Katrins Altbauwohnung am Helmholtzplatz, um den alten Blüthner ihrer Mutter zu stimmen. Die Kinder sind in der Schule, der Mann auf Dienstreise – und das Klavier ist nicht das Einzige, das verstimmt ist.
Katrin, 39 · BerlinJeden Morgen am Isebekkanal begegnet Sandra dem jungen Hundesitter Timo mit seinem Rudel. Irgendwann bucht sie ihn für Bruno, eine Stunde pro Woche. Der Hund hätte die Stunde eigentlich gar nicht gebraucht.
Sandra, 46 · HamburgDonnerstags um zwölf verlässt Claudia ihre stille Villa in Bogenhausen und fährt in die Altstadt. Rainer, Architekt, hat genau eine Stunde Mittagspause. Mehr haben die beiden nie verlangt. Weniger auch nicht.
Claudia, 51 · MünchenJana hat sechs Stunden am Tag, in denen die Zwillinge in der Kita sind. Marc hat sechs Stunden, bevor er nach der Nachtschicht schlafen muss. Sie stellen Regeln auf. Die Regeln halten erstaunlich lange.
Jana, 34 · KölnPetra, 48, kauft jeden Mittwoch in der Kleinmarkthalle ein. Am Kaffeestand steht Henrik, Übersetzer aus dem Schwedischen, der ihr jede Woche ein Wort schenkt, das es im Deutschen nicht gibt.
Petra, 48 · Frankfurt am MainIhr Mann baut in China ein Werk auf, das Haus am Killesberg ist viel zu groß. Birgit, 52, lernt Frank kennen, Witwer mit einem Stückle Weinberg in Uhlbach. Die Nachbarn erfahren davon nichts.
Birgit, 52 · StuttgartWenn Leas Mann nach Singapur oder Denver fliegt, gehört ihr der Tag. Auf den Rheinwiesen in Oberkassel spielt Niklas nachmittags Gitarre. Sie sagt ihm gleich, was sie will. Und was nicht.
Lea, 29 · DüsseldorfAnja polstert in ihrer Werkstatt im Erdgeschoss in Gohlis alte Möbel auf, ihr Mann ist die Woche über auf der Autobahn. Dann bringt Stefan einen Cocktailsessel aus den Fünfzigern. Er kommt öfter wieder als nötig.
Anja, 41 · LeipzigJeden Mittag radelt Kerstin, 45, über das Blaue Wunder an die Elbe. Auf den Wiesen in Loschwitz isst Paul, 32, Zimmermann, seine Brotzeit. Seine Pause dauert eine Stunde. Sie lernt, damit zu rechnen.
Kerstin, 45 · DresdenAn einem verregneten Abend legt Nicole, 38, aus reiner Neugier ein Profil an und lässt ein Feld leer. Daniel, der im Schichtdienst arbeitet, schreibt ihr trotzdem. Dienstag, zehn Uhr, ein Café in der Südstadt.
Nicole, 38 · HannoverIhr Mann ist von Montag bis Donnerstag auf der Autobahn, Sabine backt für das ganze Haus. Als Thomas ins Hinterhaus zieht, trägt sie ihre Bleche nur noch über den Hof – vorbei am Küchenfenster der neugierigsten Nachbarin von St. Johannis.
Sabine, 50 · NürnbergJeden Morgen um neun zieht Melanie ihre vierzig Bahnen im Westbad. Dann sitzt Jannik auf dem Hochstuhl, siebenundzwanzig, Sportstudent, und findet ihre Wende verbesserungswürdig. Sie findet ihn zu jung. Er findet das Thema langweilig.
Melanie, 33 · BremenEine abgesprungene Fahrradkette an der Promenade, ein Richter mit ölverschmierten Händen, eine Mittagspause von neunzig Minuten. Ute, 54, weiß genau, was sie da tut – und auch, wie viele Montage ihr noch bleiben.
Ute, 54 · MünsterEin Zettel am Schwarzen Brett des Bioladens, ein verwilderter Garten in der Wiehre, ein Landschaftsgärtner mit freien Dienstagen. Tanja und Lukas schließen eine einfache Abmachung: keine Zukunft, keine Versprechen. Nur bis der Garten fertig ist.
Tanja, 36 · Freiburg im BreisgauIhr Mann ist auf Messen in aller Welt, der Sohn im Internat, das Haus in Pfersee viel zu groß. Mittwochs um zehn geht Monika auf den Stadtmarkt – und seit Februar danach in eine Uhrmacherwerkstatt am Kanal.
Monika, 47 · Augsburg