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Zwetschgenzeit

Sabine, 50 · Nürnberg

Ich backe, wenn ich nicht weiß, wohin mit mir. Das weiß inzwischen das ganze Haus in der Johannisstraße, vom Erdgeschoss bis unters Dach. Riecht es im Treppenhaus nach Butter und Zimt, dann ist Uwe wieder unterwegs, dann kühlt bei mir ein Blech auf dem Fensterbrett ab, und irgendwer klingelt spätestens um vier mit dem leeren Teller vom letzten Mal.

Uwe verkauft Industriepumpen. Er sagt lieber „Förderlösungen“, weil das nach mehr klingt. Sein Gebiet reicht von Hof bis Ingolstadt, im Frühjahr kommen die Messen dazu, und so fährt er montags früh los und kommt donnerstags spät zurück, mit einem Kofferraum voller Prospekte und einem Gesicht, das nach Autobahn aussieht. Seit sechsundzwanzig Jahren sind wir verheiratet. Unsere Tochter studiert in Regensburg. Ich bin fünfzig, habe früher in einer Apotheke am Plärrer gearbeitet und irgendwann nicht mehr, weil sich das Leben so ergeben hat, wie es sich eben ergibt.

Im August zog jemand ins Hinterhaus. Man muss wissen, wie das bei uns aussieht: vorne das Haus mit dem Sandsteinsockel, hinten ein Hof mit zwei Mülltonnen, einem Fliederbusch und einer Wäschespinne, die keiner mehr benutzt, und dahinter das kleine zweistöckige Gebäude, in dem früher eine Buchbinderei war. Von meiner Küche im zweiten Stock sehe ich direkt in sein Fenster unten links. Ich habe nicht hingeschaut. Also, nicht mit Absicht.

Jeden Tag ab acht saß er dort vor zwei Bildschirmen, Kopfhörer auf, einen Becher neben der Tastatur, und redete mit Leuten, die ich nicht sehen konnte. Manchmal stand er auf, streckte sich, trat ans Fenster und schaute in den Hof, als suche er dort etwas. Einmal hob er die Hand. Ich stand gerade mit dem Nudelholz da und hob es zurück, was ich hinterher ziemlich albern fand.

Die Zwetschgen hatte ich am Samstag auf dem Hauptmarkt gekauft, bei der Bäuerin aus dem Knoblauchsland, die mir immer ein paar extra in die Tüte legt. Zwei Kilo, viel zu viel für einen Haushalt, in dem unter der Woche nur eine Person isst. Am Dienstag setzte ich den Hefeteig an, viertelte die Früchte und legte sie dachziegelartig aufs Blech, so wie meine Mutter es mir gezeigt hat, ganz eng, damit kein Teig durchschaut. Streusel obendrauf, das ist bei uns in der Familie Pflicht.

Dann stand ich mit einem halben Blech, eingewickelt in ein Geschirrtuch, vor seiner Tür und kam mir vor wie das Begrüßungskomitee eines Dorfes, das es längst nicht mehr gibt.

„Sie sind die mit dem Nudelholz“, sagte er.

„Und Sie sind der mit den Kopfhörern.“

„Thomas.“ Er nahm mir das Blech ab, hob das Tuch an und atmete einmal tief ein. „Ist das ein Datschi? Ich dachte, den gibt's nur in Augsburg.“

„Den gibt es überall, wo jemand ihn backt.“

Er lachte, und sein Lachen war tiefer als die Stimme, die ich manchmal durch sein gekipptes Fenster gehört hatte. Neunundvierzig sei er, erzählte er später, geschieden, Softwareprüfer für eine Versicherung in Fürth, und nach der Trennung habe er etwas Kleines gesucht, mit Hof und ohne Nachbarn über dem Kopf. „Und dann bringt mir die erste Nachbarin gleich Kuchen. Das hätte in Erlangen niemand gemacht.“

Das eigentliche Problem in unserem Haus heißt nicht Uwe. Es heißt Gerda Kellermann, wohnt im ersten Stock, ist dreiundachtzig und hört besser als jeder Hofhund. Sie weiß, wann der Postbote klingelt, wer den Keller nicht abschließt und dass die jungen Leute unterm Dach vegan kochen. Ihre Wohnungstür hat einen Spion, und hinter diesem Spion, davon bin ich überzeugt, steht tagsüber ein Hocker.

Der Weg ins Hinterhaus führt durch den Hausflur, an ihrer Tür vorbei, durch die Hoftür und quer über das Kopfsteinpflaster. Neunzehn Schritte, ich habe sie irgendwann gezählt. Neunzehn Schritte, die man von ihrem Küchenfenster aus bestens überblicken kann.

Also gewöhnte ich mir an, immer etwas in der Hand zu haben. Einen Teller mit Nusszopf. Eine Dose Spitzbuben. Einen Käsekuchen, der in der Mitte ein bisschen eingefallen war, was Thomas nicht störte. Wer mit Kuchen über den Hof geht, geht zu einem Nachbarn. So einfach ist die Logik in St. Johannis, und so einfach war sie eine Weile auch für Frau Kellermann, bis sie mich im Oktober im Treppenhaus abfing.

„Sie sind aber fleißig in letzter Zeit, Frau Brandl.“

„Die Zwetschgen müssen ja weg“, sagte ich.

„Im Oktober?“

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Ich lächelte und ging weiter.

Die Besuche fanden am frühen Nachmittag statt, zwischen seiner letzten Videokonferenz und der Stunde, in der die Schüler vom Gymnasium um die Ecke lärmend durch die Straße ziehen. Ich klopfte zweimal, er rief „offen“, und ich stand in einem Raum, der nach Kaffee und Papier roch und nach den alten Dielen, die er nicht hatte abschleifen lassen. Ein Tisch, zwei Stühle, ein Regal voller Bücher über Dinge, die ich nicht verstand, und ein breites Sofa unter dem Fenster zur Gasse.

Am Anfang aßen wir tatsächlich Kuchen. Er erzählte von seiner Arbeit, die im Wesentlichen darin bestand, Fehler zu finden, bevor andere sie fanden. Ich erzählte von Uwe, ohne schlecht über ihn zu reden, denn er ist kein schlechter Mensch, nur ein abwesender. „Er ruft jeden Abend an“, sagte ich. „Um halb neun. Er fragt, was es zu essen gab, und ich sage es ihm.“

„Und was gab es heute?“

„Heute gab es dich“, habe ich an einem Donnerstag im November gesagt, und dann war es still.

Mit fünfzig rechnet man nicht mehr damit, so still zu werden, mitten am Tag, in einer fremden Küche, nur weil ein Mann die Gabel weglegt und einen ansieht, als hätte er einen Fehler gefunden, den er auf keinen Fall melden wird. Er stand auf, nahm mir den Teller aus der Hand und stellte ihn aufs Fensterbrett. Dann zog er den Vorhang zu. Den Rest dieses Nachmittags erzähle ich niemandem, nicht einmal mir selbst, wenn ich abends um halb neun mit Uwe telefoniere und behaupte, es habe Linsen gegeben.

Man könnte meinen, dass einem so etwas schwerfällt. Das schlechte Gewissen, die kleinen Lügen, die Angst. Seltsamerweise war das Schwierigste etwas anderes: die Leichtigkeit auszuhalten. Ich ging plötzlich wieder zu Fuß in die Stadt, am Johannisfriedhof vorbei, wo die Bronzetafeln auf den liegenden Grabsteinen in der Sonne glänzen und wo Dürer begraben ist, von dem Uwe einmal sagte, der habe es mit seiner Frau auch nicht leicht gehabt. Ich ging die Pegnitz entlang, über den Henkersteg, und merkte, dass ich summte.

An einem warmen Tag im März, Uwe war auf einer Messe in Hannover, trafen wir uns zum ersten Mal außerhalb des Hofes. Thomas hatte die Wöhrder Wiese vorgeschlagen, weil sich unter der Woche kaum jemand aus Johannis dorthin verirrt. Wir saßen auf einer Bank am Wasser, zwischen Joggern und Leuten mit Hunden, und er hatte eine Thermoskanne dabei und zwei Stück Streuselkuchen vom Bäcker.

„Gekauft“, sagte er entschuldigend. „Ich wollte mal sehen, ob du den Unterschied merkst.“

Ich merkte ihn. Ich sagte es ihm nicht.

Wir redeten darüber, was das eigentlich ist, was wir da machen. Er fragte nicht, ob ich Uwe verlassen würde, und ich war ihm dankbar dafür. „Ich will nichts kaputt machen“, sagte er. „Ich will nur, dass du weiter über den Hof kommst.“

„Neunzehn Schritte“, sagte ich.

„Du hast sie gezählt?“

„Frau Kellermann bestimmt auch.“

Auf dem Rückweg kaufte ich am Hauptmarkt Rhabarber, es war die erste Woche, in der es welchen gab. Die Bäuerin aus dem Knoblauchsland musterte mich und meinte, ich sähe gut aus, ob ich im Urlaub gewesen sei. Nein, sagte ich, nur ein bisschen an der frischen Luft.

Die Pointe dieser Geschichte hat Frau Kellermann geliefert, im Mai. Ich kam mit einem Rhabarberkuchen die Treppe herunter, als ihre Tür aufging, schneller als sonst, als hätte sie gewartet. Sie trug eine Kittelschürze und hielt mir einen Zettel hin, beschrieben in einer steilen, altmodischen Schrift, wie man sie heute kaum noch sieht.

„Mein Rezept für Baiser“, sagte sie. „Auf Rhabarber gehört Baiser, Frau Brandl. Sonst ist er zu sauer, und das mögen die Herren nicht.“ Sie machte eine kleine Pause. „Mein Walter hat damals auch nie gefragt, warum ich so oft zur Schneiderin in die Burgschmietstraße musste.“

Dann schloss sie ihre Tür. Den Zettel habe ich noch. Er hängt mit einem Magneten am Kühlschrank, gleich neben Uwes Messekalender.

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