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Sonst nix

Birgit, 52 · Stuttgart

Das Haus am Killesberg hatte neun Zimmer, und Birgit benutzte seit dem Frühjahr genau drei davon. Die Küche, das Schlafzimmer im ersten Stock und das kleine Arbeitszimmer mit Blick auf den Höhenpark, in dem früher Jürgen gesessen und über Zeichnungen von Getriebegehäusen gebrütet hatte. Jürgen war im Februar nach Shenyang geflogen, für zwei Jahre, vielleicht zweieinhalb. Das hänge vom Werk ab, hatte er gesagt, von den chinesischen Partnern, von der Konzernzentrale, eigentlich von allen außer ihm selbst.

Sie telefonierten sonntags. Wegen der Zeitverschiebung saß er dann schon beim Abendessen, während sie noch den Frühstückstisch abräumte, und die Gespräche hatten einen merkwürdigen Versatz, als bräuchte jeder Satz einen halben Tag, um anzukommen. Er erzählte von Lieferketten und von einem Kollegen aus Sindelfingen, der kein Wort Englisch sprach. Am Ende fragte er immer: „Und sonst?“ Und Birgit antwortete immer: „Sonst nix.“ Das Schlimme war, dass es stimmte.

Die Kinder waren längst aus dem Haus, Tobias in Freiburg, Judith in Hamburg. Morgens lief Birgit eine Runde durch den Höhenpark, vorbei an den Staudenbeeten und am Killesbergturm, dessen Stahlseile in der Sonne glänzten, dann die Stäffele hinunter Richtung Weißenhofsiedlung und wieder hinauf, bis ihr die Waden brannten. Danach war es halb neun, und der Tag lag vor ihr wie ein frisch gewischter Flur.

Gegenüber wohnte Frau Häberle, achtundsiebzig, die jede Bewegung in der Straße registrierte wie ein Seismograf. „Ihr Mann isch jetzt in China, gell?“, hatte sie im März über den Gartenzaun gefragt, und in dem „gell“ lag so viel Mitgefühl und so viel Neugier, dass Birgit sich vorkam, als stünde sie bereits unter Beobachtung.

Das Profil legte sie an einem Abend im Mai an, nach einem Glas Lemberger und einem Zeitungsartikel über Frauen, die sich „neu erfinden“. Sie fand den Ausdruck albern. Sich neu erfinden wollte sie nicht. Sie wollte nur, dass jemand einmal fragte, wie ihr Tag gewesen sei, und die Antwort wirklich hören wollte. Als Namen wählte sie „Stäffelesgängerin“, als Foto eine Aufnahme, auf der man ihr Gesicht nur halb sah, im Gegenlicht, auf einer Bank über dem Neckar.

Frank schrieb als Dritter, und er war der Erste, dessen Nachricht sie zweimal las. „Welche Stäffele?“, fragte er. „Ich tippe auf die Sünderstaffel, aber vielleicht bin ich zu optimistisch.“ Sie musste lachen, allein in der großen Küche, und das Lachen hallte ein wenig nach.

Er war fünfundfünfzig, Vermessungsingenieur bei der Stadt, seit sechs Jahren Witwer. Von seinem Vater hatte er ein Stückle Weinberg in Uhlbach geerbt, knapp zwanzig Ar Trollinger und ein paar Zeilen Riesling am Hang unterhalb des Württembergs. Die Trauben lieferte er an die Genossenschaft, die Arbeit machte er selbst, nach Feierabend und an den Nachmittagen, an denen er Überstunden abbummelte. „Ein Wengert ist wie ein Hund“, schrieb er. „Er will jeden Tag raus.“

Zum ersten Treffen nahm Birgit nicht das Auto. Sie nahm die U5 am Killesberg, stieg am Hauptbahnhof in die S-Bahn nach Obertürkheim und von dort in den Bus hinauf nach Uhlbach. Niemand in der Straße sollte den Wagen in einer fremden Einfahrt sehen, niemand sollte sich fragen, warum Frau Scheufele an einem Dienstag um zwei ins Neckartal hinausfuhr. Sie kam sich dabei vor wie eine Agentin in einem schlechten Fernsehkrimi, und irgendwie gefiel ihr das.

Frank wartete an der Haltestelle beim Weinbaumuseum. Ein großer Mann mit sonnengegerbtem Nacken, kurzen grauen Haaren und einem karierten Hemd, das schon bessere Tage gesehen hatte. Er gab ihr die Hand, fest und trocken, und sagte: „Sie sind pünktlicher als der Bus.“

„Ich war im Bus.“

„Dann ist der Bus heute pünktlicher als sonst.“

Sie gingen den Weinwanderweg hinauf, zwischen den Rebzeilen hindurch, die Luft roch nach warmem Stein und Schwefel. Unten im Tal zog sich der Neckar grau und träge dahin, oben auf dem Württemberg leuchtete die Grabkapelle weiß in der Nachmittagssonne. Frank erzählte, dass König Wilhelm sie für seine Frau gebaut hatte, weil er sie betrogen hatte und es bereute, und Birgit sagte, das sei eine seltsame Art, sich zu entschuldigen. „Die Schwaben entschuldigen sich mit Immobilien“, sagte Frank. „Das ist bis heute so.“

Sein Stückle lag am Hang, schmal und steil, mit einer Trockenmauer am unteren Ende und einem Wengerthäusle aus Sandstein, kaum größer als ein Gartenschuppen. Drinnen standen eine Bank, ein Tisch, zwei Gläser und eine Kiste mit Werkzeug. Er zeigte ihr, wie man die Geiztriebe ausbricht, damit die Trauben genug Kraft bekommen, und sie stand eine Stunde lang zwischen den Reben, die Hände grün vom Laub, und dachte an nichts. Es war das erste Mal seit Monaten, dass sie an nichts dachte.

Von da an kam sie dienstags und donnerstags. Immer mit der Bahn, immer mit dem Bus, immer in alten Jeans, die niemand am Killesberg je an ihr gesehen hätte. Sie lernte, was Laubarbeit bedeutet, warum man die Blätter an der Traubenzone ausdünnt und weshalb Frank über den Mehltau fluchte, als wäre er ein persönlicher Feind. Sie redeten viel und sie schwiegen viel, und beides fühlte sich gleich richtig an.

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Ende Juli, an einem schwülen Donnerstag, zog über dem Schurwald ein Gewitter auf. Sie sahen es kommen, eine schiefergraue Wand, die sich über Fellbach schob, und Frank sagte: „Zehn Minuten.“ Es waren sieben. Sie rannten die letzten Meter zum Häusle, und als die Tür hinter ihnen zufiel, prasselte der Regen schon auf das Ziegeldach wie Kies.

Drinnen war es dämmrig und eng. Birgits Bluse klebte an ihren Schultern, Frank reichte ihr ein Handtuch, das nach Holz und Maschinenöl roch. Sie trocknete sich das Gesicht ab und sah ihn an, und er sah sie an, und draußen donnerte es so nah, dass die Gläser auf dem Tisch klirrten.

„Ich bin verheiratet“, sagte sie. Sie wusste nicht, warum sie es gerade jetzt sagte. Er wusste es ja.

„Ich weiß“, sagte Frank. „Und ich bin sehr verschwiegen. Das bringt der Beruf mit sich. Ich vermesse Grundstücke. Ich weiß, wo in dieser Stadt jeder Zaun falsch steht, und habe es noch nie jemandem erzählt.“

Ihr Lachen verstummte erst, als er ihr das Handtuch aus der Hand nahm und es sehr langsam auf die Bank legte. Wie lange das Gewitter dauerte, hätte Birgit hinterher nicht sagen können. Nur dass es irgendwann aufhörte und dass der Weinberg danach dampfte wie ein frisch gebackenes Brot.

Die Lese begann in der zweiten Septemberwoche. Frank hatte ein paar Helfer, einen Nachbarn aus Uhlbach, dessen Schwägerin und zwei Studenten aus Hohenheim, und er stellte Birgit als „die Birgit vom Chor“ vor. Niemand fragte nach. In Uhlbach fragte man während der Lese nicht nach, man schnitt Trauben. Sie trug Gummihandschuhe, eine Rebschere und einen Eimer, sie bekam Wespenstiche und Kratzer an den Unterarmen und aß mittags auf der Trockenmauer Zwiebelkuchen, der besser schmeckte als alles, was sie in den letzten Jahren in Restaurants gegessen hatte.

Am Nachmittag, als die anderen mit dem Anhänger zur Genossenschaft fuhren, blieben sie beide oben. Die Reben waren leer, das Laub begann sich an den Rändern gelb zu färben, und über dem Neckartal lag dieser milchige Spätsommerdunst, der die Stadt in der Ferne weich aussehen ließ. „Nächstes Jahr“, sagte Frank und ließ den Satz offen. Birgit ließ ihn ebenfalls offen. Sie wussten beide, dass Jürgen im übernächsten Frühjahr zurückkommen würde, vielleicht auch später. Das hänge vom Werk ab.

Zwei Tage später stand Frau Häberle am Gartenzaun, als Birgit den Müll hinausbrachte. Ihr Blick wanderte von Birgits sonnengebräunten Armen zu den Kratzern und wieder zurück.

„Sie send aber braun worda“, sagte sie. „Ond was hen Sie denn da g’macht?“

„Ich mache einen Kurs“, sagte Birgit. „Weinbau. Draußen in Uhlbach.“

Frau Häberle nickte langsam, und zum ersten Mal lag in ihrem Blick etwas wie Anerkennung. „Des isch was G’scheits“, sagte sie. „Net so en Yoga-Kruscht.“

Am Sonntag darauf rief Jürgen an. In Shenyang war es Abend, er klang müde, er erzählte von einer Verzögerung bei den Zulieferern und von einem Essen mit dem Werksleiter, bei dem es Seegurken gegeben hatte. Birgit hörte zu, sie hörte wirklich zu, und sie merkte, dass es ihr leichter fiel als früher.

„Und sonst?“, fragte er am Ende.

Birgit betrachtete ihre Hände. Unter den Nägeln war noch immer ein dunkler Rand vom Traubensaft, der sich mit keiner Bürste der Welt entfernen ließ.

„Sonst nix“, sagte sie.

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