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Umläufe

Lea, 29 · Düsseldorf

Mein Mann denkt in Umläufen. Ein Umlauf ist das, was Piloten zwischen Abflug und Rückkehr erleben: Düsseldorf – Frankfurt – Singapur, zwei Nächte Hotel, zurück über Frankfurt, fünf Tage weg. Jan hat die Umläufe für den ganzen Monat in einer App, und ich habe sie auf dem Kühlschrank, ausgedruckt, mit einem Magneten in Form einer Ananas. Wenn ich wissen will, wie mein Mai aussieht, schaue ich nicht in meinen Kalender. Ich schaue auf die Ananas.

Wir wohnen am Kaiser-Friedrich-Ring, vierter Stock, Altbau mit Stuck und Fischgrätparkett, vom Balkon aus sieht man über die Rheinwiesen hinweg auf die Altstadt, den Schlossturm und den Rheinturm, der nachts seine Uhr aus Lichtpunkten zeigt, die ich bis heute nicht ablesen kann. Die Wohnung ist wunderschön. Das sagt jeder, der sie betritt. Meine Mutter hat beim ersten Besuch geweint.

Ich bin neunundzwanzig. Bevor ich Jan geheiratet habe, habe ich auf Messen gearbeitet, Boot, Medica, Drupa, Hostess und später Standleitung. Jan fand, das müsse nicht mehr sein, er verdiene genug, und es wäre doch schön, wenn jemand da sei, wenn er nach Hause kommt. Das Problem ist, dass er selten nach Hause kommt. Und wenn, dann schläft er erst mal vierzehn Stunden, weil sein Körper noch in einer anderen Zeitzone steckt.

Kinder haben wir keine. Noch nicht, sagt Jan. Ich sage dazu nichts.

Also habe ich viel Zeit. Ich kenne die Luegallee rauf und runter, jede Boutique, jedes Café, die Bäckerei am Belsenplatz, das Eiscafé mit den Plastikstühlen, wo die Rentnerinnen sitzen. Ich habe einen Töpferkurs angefangen und wieder aufgehört. Ich habe Pilates probiert. Irgendwann bin ich einfach nachmittags über die Straße gegangen, die Treppe runter auf die Rheinwiesen, und habe mich ins Gras gesetzt, zwischen die Schafe.

Ja, Schafe. Mitten in der Stadt, gegenüber der Altstadt, grasen im Sommer Schafe auf den Oberkasseler Wiesen. Ich finde das bis heute absurd und tröstlich zugleich.

Niklas saß weiter unten, fast am Wasser, im Schatten der Oberkasseler Brücke. Er hatte eine Konzertgitarre auf dem Knie und spielte etwas Langsames, Spanisches, das über das Rauschen der Autos und das Rattern der Bahnen auf der Brücke hinweg zu mir heraufwehte. Er spielte nicht für Publikum. Kein offener Koffer, kein Pappschild. Er spielte einfach.

Ich bin drei Tage lang hingegangen, bevor ich runtergegangen bin. Am dritten Tag habe ich mich zwei Meter neben ihn gesetzt und gesagt: „Spielst du auch Wünsche?“

Er sah auf. Dreiunddreißig, erfuhr ich später, schmales Gesicht, Dreitagebart, Sonnenbrand auf der Nase. „Kommt auf den Wunsch an.“

Ich wünschte mir „Wonderwall“, weil mir nichts anderes einfiel. Er spielte es, und er spielte es so schlecht, so absichtlich schief und so mit Hingabe, dass ich lachen musste, bis mir die Tränen kamen. Ein Schaf blökte. Er sagte: „Das ist mein treuester Kritiker.“

Niklas ist Gitarrenlehrer. Er unterrichtet vormittags an einer Musikschule in Bilk und abends privat, meistens Kinder, deren Eltern hoffen, dass aus ihnen der nächste Ed Sheeran wird. Die Nachmittage gehören ihm. Er wohnt in Unterbilk, zweiter Hinterhof, mit einem Mitbewohner und einer Katze, die niemandem gehört.

Als Jan nach Denver flog, sahen wir uns jeden Tag. Wir tranken Eistee aus Dosen auf der Wiese, liefen über die Brücke rüber in die Altstadt und die Rheinuferpromenade entlang bis zum Landtag, zwischen Joggern, Touristen und Männern in Anzügen, die ihre Mittagspause in die Länge zogen. Einmal tranken wir ein Alt im Stehen an der Kurze Straße, und Niklas erklärte mir, dass man sein Glas nie ganz leer trinken darf, weil der Köbes sonst automatisch ein neues bringt. Ich war seit vier Jahren Düsseldorferin und wusste das nicht. Jan trinkt kein Bier. Wegen der Tauglichkeit.

An einem anderen Nachmittag setzte er mir die Gitarre auf den Schoß, unten an der Freitreppe am Burgplatz, wo sich abends die halbe Stadt versammelt, um der Sonne beim Untergehen über Oberkassel zuzusehen. Er zeigte mir einen a-Moll-Griff. Die Saiten schnitten mir in die Fingerkuppen, und was herauskam, klang wie eine Tür, die im Wind schlägt. „Perfekt“, sagte Niklas. „So klingen alle am Anfang. Die meisten hören genau hier auf.“ Ich hörte nicht auf. Zu Hause übte ich ohne Gitarre, mit den Fingern auf der Tischkante, und kam mir dabei vollkommen verrückt vor. Und glücklicher, als ich es mir hätte erklären können.

Am fünften Tag, auf dem Rückweg über die Brücke, blieb ich stehen und sagte es ihm. Ich hatte es mir vorher zurechtgelegt, fast wie einen Text für einen Messestand.

„Ich bin verheiratet. Ich habe nicht vor, daran etwas zu ändern. Ich will keinen Freund, keine Geheimnisse, über die wir nachts weinen, und keine Pläne. Ich will Nachmittage. Wenn das für dich nicht reicht, sag es jetzt, dann trinken wir noch einen Eistee und das war’s.“

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Niklas sah auf den Rhein hinunter, wo gerade ein Frachtschiff mit holländischer Flagge vorbeischob, tief im Wasser, beladen mit Containern. Er ließ sich Zeit mit der Antwort.

„Ich bringe Zwölfjährigen bei, dass man nicht jeden Ton festhalten muss“, sagte er dann. „Manche klingen am schönsten, wenn man sie loslässt.“

„Ist das ein Ja?“

„Das ist ein Ja mit Gitarrenmetapher. Ich kann nicht anders, Berufskrankheit.“

Der Tokio-Umlauf ist der längste. Sieben Tage. Jan packte seinen Trolley mit der gleichen Sorgfalt wie immer, die Uniformhemden auf Bügeln, die Krawatte gerollt, die Schlaftabletten im Kulturbeutel. Er küsste mich an der Tür auf die Stirn und sagte: „Mach dir schöne Tage.“ Ich glaube, er meinte es ernst.

Am Mittwoch brachte Niklas zum ersten Mal die Gitarre mit hinauf in den vierten Stock. Er stand lange auf dem Balkon und sah hinüber zur Altstadt, als würde er sie zum ersten Mal von dieser Seite sehen. „Von hier sieht sie aus wie eine Postkarte“, sagte er. „Von unten sieht sie aus wie Arbeit.“

Er spielte mir etwas vor, im Wohnzimmer, auf dem Parkett sitzend, mit dem Rücken an die Couch gelehnt. Es war das Spanische vom ersten Tag. Ich setzte mich neben ihn, so nah, dass ich die Vibration des Holzes an meinem Arm spüren konnte. Irgendwann hörte er mitten im Stück auf, einfach so, und legte die Gitarre zur Seite. Ich habe nicht gefragt, wie es weitergeht. Ich wusste es auch so.

Die Sonne stand schon tief über Neuss, als er ging. Die Gitarre nahm er mit, ein Plektrum ließ er auf dem Couchtisch liegen, ein grünes, abgenutztes, mit einem Kratzer in der Mitte. Ich habe es in meine Schmuckschatulle gelegt, zwischen die Perlenohrringe von meiner Oma und den Ehering, den ich beim Putzen abnehme.

Im Juli kam die Kirmes auf die Rheinwiesen, und die Schafe zogen weiter, irgendwohin flussabwärts. Riesenrad, Achterbahn, Bratwurstduft bis in den vierten Stock. Niklas verlegte seine Nachmittage an den Rhein unterhalb von Golzheim, ich fuhr mit dem Rad hin. Es war nicht dasselbe, und das war auch in Ordnung. Nichts an diesem Sommer sollte dasselbe bleiben.

Ende August kam Jan von einem Umlauf zurück und erzählte beim Frühstück, dass er sich auf die Kurzstrecke bewerben wolle. Europa, Tagesrotationen, fast jeden Abend zu Hause. „Für uns“, sagte er und griff nach meiner Hand. Ich habe genickt. Ich habe mich sogar gefreut, ein bisschen, auf eine Art, die ich selbst nicht ganz verstand.

Am nächsten Nachmittag bin ich noch einmal runter zu den Wiesen gegangen. Die Kirmes war abgebaut, das Gras war gelb und plattgetreten, und die ersten Schafe waren zurück. Niklas saß an seinem alten Platz unter der Brücke. Ich habe es ihm gesagt. Er nickte, als hätte er es geahnt, und spielte ein Lied, ohne dass ich darum bitten musste.

Es war „Wonderwall“. Diesmal spielte er es sauber, jeder Akkord klar, jeder Übergang weich.

„Du hast geübt“, sagte ich.

„Ich hatte ja Zeit“, sagte er. „An den Tagen, an denen du nicht kamst.“

Ich bin über die Wiese nach Hause gegangen und habe mich nicht umgedreht. Leicht, hatte ich gesagt. Es ist leicht geblieben, bis zum letzten Ton. Das Plektrum liegt immer noch in der Schatulle, und auf dem Kühlschrank hängt ein neuer Plan, mit sehr viel kürzeren Umläufen.

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