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Die halbe Bemme

Kerstin, 45 · Dresden

Um vier Minuten nach zwölf rollte Kerstin jeden Tag über das Blaue Wunder. Sie hätte die Uhr danach stellen können, und manchmal tat sie das auch, im Kopf, wenn sie am Schillerplatz an der Ampel stand und die Straßenbahn vorbeiließ. Um zehn nach elf war sie in Blasewitz losgefahren, die Goetheallee hinunter zur Elbe, dann flussaufwärts auf dem Radweg bis Pillnitz, eine Runde durch den Schlosspark und zurück. Über die Brücke, auf die Loschwitzer Seite, den Körnerweg entlang. Jeden Tag dieselbe Strecke, bei jedem Wetter außer Glatteis.

Mit fünfundvierzig hatte Kerstin eine Menge Routinen. Thomas nannte sie ihre „Geländer“. Er meinte das liebevoll, soweit ein Zahnarzt mit eigener Praxis in Striesen, der morgens um sieben aus dem Haus ging und abends um sieben zurückkam, noch liebevoll sein konnte. Der Sohn studierte in Freiberg Geologie und kam alle drei Wochen mit einem Sack Wäsche vorbei. Die Wohnung in der alten Villa an der Goetheallee hatte hohe Decken, einen Erker zur Elbe hin und eine Stille, die Kerstin inzwischen hören konnte, wenn sie morgens die Kaffeemaschine ausschaltete.

Das Rad war ihr Ausweg. Auf dem Rad war sie niemandes Frau und niemandes Mutter, nur eine Frau mit Wind im Gesicht und Muskelkater in den Oberschenkeln.

Auf der Loschwitzer Seite, unterhalb der Villen, die sich den Hang hinaufstaffeln, gibt es eine Stelle am Elbufer, an der Kerstin immer anhielt. Eine Bank, ein alter Birnbaum, Blick auf die Brücke, deren blaugrüner Stahl in der Mittagssonne fast unwirklich aussah. Dort trank sie Wasser, aß einen Apfel und sah den Dampfern nach, die flussaufwärts nach Pillnitz schnauften.

Im Mai saß plötzlich jemand auf ihrer Bank.

Ein junger Mann in Zimmermannskluft, schwarze Cordhose mit Schlag, Weste, das Hemd bis zu den Ellbogen aufgekrempelt, die Unterarme voller Sägestaub. Er hatte eine Brotbüchse auf den Knien und ein Buch neben sich, und er rückte zur Seite, ohne aufzusehen, als sie ihr Rad an den Baum lehnte. Kerstin setzte sich ans andere Ende und aß ihren Apfel. Sie sagten nichts.

Am nächsten Tag war er wieder da. Und am übernächsten. Nach einer Woche nickten sie sich zu. Nach zwei Wochen sagte er „Mahlzeit“, und sie sagte „Mahlzeit“ zurück, und das war schon fast eine Unterhaltung.

Am fünfzehnten Tag hielt er ihr seine Brotbüchse hin. Darin lagen zwei dicke Scheiben Mischbrot mit Leberwurst und sauren Gurken, sorgfältig halbiert.

„Willste ’ne halbe Bemme?“, fragte er. „Ich kann nicht mehr mit ansehen, wie Sie jeden Tag nur einen Apfel essen.“

Er hieß Paul, war zweiunddreißig und kam aus Annaberg-Buchholz, was man hörte, sobald er mehr als drei Sätze sagte. Er arbeitete für eine Firma, die gerade den Dachstuhl einer Gründerzeitvilla oben am Hang sanierte, gleich neben der Standseilbahn. „Das Holz ist hundertdreißig Jahre alt“, erzählte er. „Die Hälfte ist Mulm, die andere Hälfte ist besser als alles, was man heute kaufen kann.“ Seine Mittagspause ging von zwölf bis eins. Nicht eine Minute länger, der Polier war streng.

Kerstin aß die halbe Bemme. Es war die beste Leberwurst, die sie seit Jahren gegessen hatte, und sie sagte ihm das, und er lachte und sagte, die mache seine Oma im Erzgebirge selbst, er bekomme jeden Monat ein Paket.

Von da an war die Bank ihre gemeinsame Bank. Er brachte zwei Bemmen mit, sie brachte Obst und manchmal ein Stück Eierschecke vom Bäcker am Schillerplatz. Sie redeten über alles Mögliche. Über Holzwürmer, über seine drei Jahre auf der Walz, über Island, wohin er irgendwann wollte, über Kerstins Arbeit als Übersetzerin, die sie vor zwölf Jahren aufgegeben hatte. Er fragte nie nach ihrem Mann, obwohl er den Ring sah. Sie fragte nie, ob er eine Freundin hatte. Die Stunde war zu kurz für solche Fragen.

Manchmal saßen sie auch nur da und sahen der Standseilbahn zu, wie sie den Hang hinauf- und hinunterkroch, zwei Wagen, die sich auf halber Strecke begegnen und wieder auseinanderfahren, seit mehr als hundert Jahren. „Die haben’s gut“, sagte Paul einmal. „Treffen sich alle paar Minuten und müssen nie miteinander reden.“ Kerstin fand, dass das ein trauriger Satz war, und sagte es ihm. Er dachte eine Weile darüber nach und gab ihr recht.

Irgendwann im Juni, an einem Tag, an dem die Hitze wie eine Glocke über dem Elbtal lag, sagte Kerstin, ohne ihn anzusehen: „Ich wohne sechs Minuten von hier. Mit dem Rad.“

Paul schwieg. Ein Dampfer fuhr vorbei, die „Leipzig“ oder die „Dresden“, sie verwechselte sie immer. Auf dem Sonnendeck winkten Touristen, und Kerstin winkte automatisch zurück.

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„Und zurück?“, fragte Paul schließlich.

„Auch sechs.“

Er sah auf seine Uhr. Es war zwölf Uhr achtzehn. Er klappte die Brotbüchse zu.

Sie fuhren hintereinander über die Brücke, Kerstin vorn, Paul auf einem geliehenen Rad des Poliers hinterher. Sie spürte den Fahrtwind unter dem Shirt und seinen Blick im Rücken und hatte das Gefühl, gleichzeitig vierzehn und hundert Jahre alt zu sein. Vor der Villa an der Goetheallee schloss sie die Haustür auf, ging voraus die Treppe hinauf und drehte sich im Flur ihrer Wohnung zu ihm um. Er roch nach Holz, nach Sonne, nach Leberwurst, und sie musste lachen, und dann lachte keiner mehr.

Um zwölf Uhr vierundfünfzig stand er wieder unten auf dem Gehweg und schwang sich aufs Rad. Um eins, das erzählte er ihr am nächsten Tag, war er pünktlich auf dem Gerüst. Der Polier hatte nur gefragt, warum er so gute Laune habe.

Den Sommer über wurde daraus ein Rhythmus. Nicht jeden Tag, das hätten sie beide nicht gewollt. Zweimal die Woche, manchmal dreimal. An den anderen Tagen saßen sie auf der Bank und aßen ihre Bemmen, als wäre nichts, und es war auch nichts, nur zwei Menschen am Fluss. Kerstin lernte, in Minuten zu denken. Sechs hin, sechs zurück, bleiben achtundvierzig. Man kann in achtundvierzig Minuten erstaunlich viel reden. Und erstaunlich viel nicht reden.

Einmal, Ende August, regnete es so stark, dass die Elbwiesen unter Wasser standen und die Bank im Matsch versank. Paul kam trotzdem, klatschnass, mit dem Rad des Poliers, und stand tropfend im Flur der Goetheallee. Sie gab ihm ein Handtuch und ein Hemd von Thomas, das er nicht anzog. Er hatte es sowieso eilig.

Manchmal, abends, wenn Thomas neben ihr auf dem Sofa saß und die Abrechnungen der Praxis durchging, dachte Kerstin an die achtundvierzig Minuten und wunderte sich, wie wenig schlechtes Gewissen sie hatte. Sie hatte erwartet, dass es kommen würde, wie eine Rechnung, die irgendwann im Briefkasten liegt. Es kam nicht. Vielleicht, weil sie Thomas nichts wegnahm, was er vermisst hätte. Vielleicht auch, weil eine Stunde am Mittag keinen Platz bot für große Gefühle, nur für kleine, helle, die man abends wieder abstellen konnte wie ein Fahrrad im Hof.

Im Oktober war der Dachstuhl fertig. Kerstin sah es von der Bank aus: Das Gerüst wurde abgebaut, Stange für Stange, und darunter kam ein neues Dach zum Vorschein, rote Biberschwänze, ein kupfernes Türmchen, das in der Herbstsonne glänzte wie frisch geputzt. Paul saß neben ihr und aß seine letzte Bemme auf dieser Baustelle.

„Nächste Woche sind wir in Radebeul“, sagte er. „Ein Weingut. Das dauert bis Weihnachten.“

„Radebeul ist weit“, sagte Kerstin. „Mit dem Rad.“

„Zu weit für eine Mittagspause“, sagte er. Er gab ihr die halbe Bemme, wie am ersten Tag, und sie aß sie, und die Leberwurst schmeckte genau wie im Mai.

Sie haben sich nicht verabschiedet, jedenfalls nicht richtig. Er hat um zwölf Uhr achtundfünfzig die Brotbüchse zugeklappt, ist aufgestanden und hat gesagt: „Mahlzeit, Kerstin.“ So, als würde er morgen wiederkommen.

Den Winter über fuhr Kerstin weiter ihre Runde, außer bei Glatteis. Die Bank war leer, der Birnbaum kahl. Thomas lobte ihre Disziplin und fand, sie sehe gut aus in letzter Zeit, irgendwie ausgeruht.

Im März, an einem der ersten warmen Tage, rollte sie wie immer um vier nach zwölf über das Blaue Wunder, bog in den Körnerweg ein und sah, dass an einer Villa weiter oben in Wachwitz ein neues Gerüst stand. Oben auf den Brettern bewegten sich Männer in schwarzen Cordhosen.

Kerstin fuhr ein bisschen langsamer. Dann hielt sie an ihrer Bank, holte den Apfel aus der Tasche und sah auf die Uhr. Es war sechs nach zwölf. Die Mittagspause hatte gerade erst angefangen.

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