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Was suchst du?

Nicole, 38 · Hannover

Es war einer dieser Novemberabende, an denen es in Hannover nicht richtig regnet, sondern die Luft einfach nass ist, von oben, von der Seite, von überall. Markus war zu einem Abendessen mit dem Vorstand, irgendwo in einem Restaurant am Aegi, die Kinder schliefen, und ich saß mit meinem Laptop auf dem Sofa und hatte eigentlich vor, eine Regenjacke für Ella zu bestellen.

Ich weiß bis heute nicht genau, wie ich auf der Seite gelandet bin. Ein Werbebanner vermutlich, irgendwo zwischen Kinderjacken in Größe 128 und einem Artikel über Frauen, die nach der Elternzeit nicht mehr in den Job zurückfinden. Ich habe draufgeklickt, so wie man abends den Kühlschrank aufmacht, obwohl man keinen Hunger hat. Nur um zu sehen, was drin ist.

Ich bin achtunddreißig. Bis vor sechs Jahren war ich Assistentin der Geschäftsführung bei einem Messebauunternehmen in Laatzen, mit eigenem Büro, Dienstwagen und einem Chef, der ohne mich nicht einmal seinen Kalender gefunden hätte. Dann kam Ella, zwei Jahre später Jonas, und irgendwann war klar, dass einer von uns zu Hause bleiben musste. Markus verdiente mehr. So einfach war das, und so einfach ist es bis heute, wenn man ihn fragt.

Mein Leben hat seitdem eine sehr genaue Form. Um sieben Frühstück, um halb acht zur Grundschule in der Südstadt, um Viertel vor acht Laufschuhe an. Dann eine Stunde Eilenriede, vom Bischofsholer Damm hinein in den Stadtwald, die breiten Wege entlang bis zum Steuerndieb, manchmal weiter bis zum Lister Turm und zurück. Danach duschen, einkaufen, Wäsche, Kochen, Hort um drei, Hausaufgaben, Abendbrot, Markus. In dieser Reihenfolge. Ich beschwere mich nicht. Ich stelle nur fest.

Das Profil habe ich in zehn Minuten angelegt. Ein Foto, auf dem man mich von der Seite sieht, beim Laufen, nach einem Volkslauf im Stadtpark. Ein falscher Vorname, den ich später korrigiert habe. Alter, Stadt, Figur. Dann kam das Feld „Was suchst du?“, und ich saß davor, bis der Cursor mich nervös machte. Ich schrieb „Gespräche“ und löschte es wieder. Ich schrieb „Abwechslung“ und fand das Wort peinlich. Am Ende ließ ich das Feld leer und klickte auf Speichern.

Es gab eine Menge Nachrichten in dieser ersten Nacht. Die meisten habe ich nicht zu Ende gelesen. Eine war anders. Sie kam um halb zwei, und sie lautete: „Sie haben das wichtigste Feld leer gelassen. Entweder wissen Sie es nicht, oder Sie wissen es sehr genau. Beides finde ich interessanter als die Frauen, die ‚Ehrlichkeit und Humor‘ reinschreiben.“

Ich schrieb zurück: „Warum sind Sie um halb zwei wach?“

„Arbeit“, schrieb Daniel. „Ich stelle Weichen.“

Daniel war zweiundvierzig und Fahrdienstleiter in einem Stellwerk der Bahn. Er arbeitete im Wechsel, Frühdienst, Spätdienst, Nachtdienst, und hatte dadurch an Tagen frei, an denen andere Menschen im Büro sitzen. Das war, fand ich, das Erste, was ihn für mich wirklich attraktiv machte, noch bevor ich sein Gesicht gesehen hatte. Er hatte Zeit, wenn ich Zeit hatte. Mehr als die Hälfte der Männer auf dieser Seite schlug Treffen am Freitagabend vor. Ich hatte seit neun Jahren keinen Freitagabend mehr für mich allein gehabt.

Wir schrieben uns zwei Wochen lang. Über Bücher, über die Eilenriede, die er von seiner Wohnung in der List aus fast täglich durchquerte, über seine Tochter, die bei ihrer Mutter in Braunschweig lebte und am Wochenende kam. Über Markus schrieb ich wenig und nur Sachliches. Daniel fragte nicht nach, und ich rechnete ihm das hoch an.

Dann schrieb er: „Ich habe nächste Woche Dienstag frei. Zehn Uhr, Stephansplatz? Wenn es Ihnen nicht gefällt, sind Sie in fünf Minuten zu Hause. Das ist der Vorteil, wenn man sich in Ihrem Viertel trifft.“

Ich habe an diesem Dienstag die Kinder zur Schule gebracht, bin nicht gelaufen und habe stattdessen eine halbe Stunde vor dem Kleiderschrank gestanden. Am Ende trug ich Jeans, Stiefel und den grauen Pullover, den Markus langweilig findet. Es regnete, natürlich. Ich nahm den großen Schirm mit, den mit dem Werbeaufdruck von Markus’ Versicherung, und merkte es erst vor dem Café.

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Daniel saß am Fenster eines kleinen Cafés am Stephansplatz, zwei Tassen vor sich, eine davon noch unberührt. In echt wirkte er größer als auf seinen Bildern, trug die dunklen Haare kurz, an den Schläfen schon grau, und hatte die Augen von jemandem, der zu wenig schläft und sich damit abgefunden hat. Er stand auf, als ich hereinkam, und sagte: „Ich habe schon mal Milchkaffee bestellt. Sie sahen in Ihren Nachrichten nach Milchkaffee aus.“

„Wie sieht jemand in Nachrichten nach Milchkaffee aus?“

„Kommasetzung“, sagte er ernst. „Sehr sorgfältig. Aber nicht verbissen.“

Er erzählte vom Stellwerk, von den Nächten, in denen nur noch Güterzüge fahren und die Stadt vor den Fenstern schläft, von der seltsamen Ruhe, die entsteht, wenn man für Hunderte Menschen verantwortlich ist, die man nie zu Gesicht bekommt. Ich erzählte von der Messe, von meinem alten Chef und seinem Kalender, und merkte mitten im Satz, dass ich seit Jahren niemandem mehr von mir erzählt hatte, der nicht Elternsprecherin oder Kinderärztin war. „Sie vermissen das“, sagte Daniel. Es war keine Frage. Ich nickte und bestellte noch einen Milchkaffee, damit ich etwas zu tun hatte.

Wir blieben zwei Stunden. Draußen gingen Mütter mit Kinderwagen vorbei, ein Mann mit Dackel, eine Gruppe Studentinnen, die über eine Klausur stritten. Drinnen redeten wir, und so oft wie an diesem Vormittag hatte ich seit dem Winter nicht gelacht. Um zwölf sah ich auf die Uhr und sagte, dass ich einkaufen müsse. Er nickte und stand auf. An der Tür fragte er, ob wir ein Stück zusammen gehen könnten, und wir gingen durch den Nieselregen ein paar Straßen weit, bis zu der Ecke, an der ich abbiegen musste. Er hat nicht versucht, mich zu küssen. Ich war fast enttäuscht.

Wir trafen uns noch zweimal draußen. Einmal in der Eilenriede, er zu Fuß, ich in Laufsachen, und wir liefen nebeneinanderher bis zum Steuerndieb, wo er mir einen Tee aus der Thermoskanne einschenkte. Einmal auf der Lister Meile, zwischen Schaufenstern und Bäckereien, wo ich mich die ganze Zeit umsah, ob mich jemand erkannte, bis Daniel sagte: „Sie gucken, als würden Sie etwas klauen.“ Ich sagte: „Vielleicht tue ich das.“ Er sagte nichts dazu, aber er nahm meine Hand, nur für den Weg über eine Kreuzung.

An einem Mittwochabend schrieb ich ihm: „Donnerstag. Bei mir. Die Kinder sind bis drei weg.“ Ich schickte die Nachricht ab und drehte das Handy auf dem Küchentisch um, als könnte es mich sonst beobachten.

Er kam um halb zehn. Ich hatte die Wohnung aufgeräumt und dann wieder ein bisschen unordentlich gemacht, damit sie nicht aussah wie für einen Besuch hergerichtet. Die Legosteine von Jonas lagen noch auf dem Flurteppich. Daniel stieg vorsichtig darüber, blieb in der Küche stehen und sah sich die Fotos am Kühlschrank an, die Kinderzeichnungen, den Stundenplan der zweiten Klasse. Er sagte nichts dazu, und ich war ihm dankbar.

„Ich habe Tee gemacht“, sagte ich.

„Ich trinke gleich eine ganze Kanne“, sagte er. „Aber vielleicht nicht sofort.“

Draußen regnete es wieder, gleichmäßig und leise, wie es in Hannover eben regnet. Ich habe die Vorhänge im Schlafzimmer nicht zugezogen. Man sieht von dort nur die Kastanie im Hinterhof und die Rückseite des Nachbarhauses, und die Kastanie hat schon eine Menge gesehen.

Um Viertel vor drei stand ich an der Tür des Horts, mit nassen Haaren und einem Gesicht, von dem ich hoffte, dass es nur nach Sport aussah. Ella erzählte vom Mathetest, Jonas von einem Jungen, der ein Pausenbrot in den Gully geworfen hatte. Ich hörte zu. Ich hörte mehr zu als sonst.

Das Profil gibt es noch. Ich habe es nie fertig ausgefüllt. Unter „Was suchst du?“ steht bis heute nichts. Daniel sagt, das sei die ehrlichste Antwort, die er im ganzen Internet je gelesen habe. Ich glaube, er hat recht. Ich habe nichts gesucht. Ich habe nur an einem Regenabend den Kühlschrank aufgemacht, um zu sehen, was drin ist.

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