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Bruno weiß Bescheid

Sandra, 46 · Hamburg

Um Viertel nach acht, wenn der Berufsverkehr auf der Hoheluftbrücke schon zäh geworden ist und die U3 oben über den Viadukt rattert, geht Sandra Lembke mit Bruno los. Bruno ist ein Labrador, elf Jahre alt, mit grauer Schnauze und der Überzeugung, dass jede Parkbank ihm persönlich gehört. Er war das Geschenk zum zehnten Geburtstag der Tochter, die inzwischen in Freiburg Medizin studiert. Der Sohn macht ein Auslandsjahr in Kanada. Geblieben sind Sandra, ihr Mann Jörg, der als Vertriebsleiter für einen Reeder schon um sieben aus dem Haus ist, und eben Bruno.

Sandra ist sechsundvierzig. Zwanzig Jahre lang war sie, was man früher Hausfrau nannte und heute umständlicher beschreibt. Sie hat Brote geschmiert, Elternabende überlebt, Fußballtrikots gewaschen und nebenbei die ganze Etagenwohnung in der Bismarckstraße gestrichen, zweimal. Jetzt sind die Zimmer der Kinder aufgeräumt, und das ist das Schlimmste daran.

Der Weg ist immer derselbe. Die Bismarckstraße hinunter, über die Straße am Kaiser-Friedrich-Ufer, dann am Isebekkanal entlang, wo morgens die ersten Kanus und ein paar unentwegte Stand-up-Paddler vorbeigleiten und die Enten auf den Stegen der Hausboote dösen. Bis zur Brücke am Weidenstieg und wieder zurück. Vierzig Minuten, wenn Bruno nicht jedes Blatt einzeln prüft.

Seit Anfang April begegnet ihr dort ein junger Mann mit sechs Hunden. Nicht einer weniger, nie einer mehr. Ein Windhund, zwei Dackel, ein Mischling mit Schlappohren, ein sehr dicker Mops und ein Berner Sennenhund, der aussieht, als hätte er Rückenschmerzen. Der Mann hält alle sechs Leinen in einer Hand und in der anderen einen Becher Kaffee aus dem kleinen Laden an der Ecke Heymannstraße. Er ist vielleicht Anfang dreißig, trägt eine olivgrüne Regenjacke, auch wenn die Sonne scheint, und hat ein Lachen, das man von der anderen Kanalseite hört.

Bruno liebt ihn. Das heißt, Bruno liebt den Mops, aber das Ergebnis ist dasselbe: Jeden Morgen bleiben sie auf dem schmalen Weg zwischen Böschung und Wasser stehen, sieben Hunde verwickeln sich zu einem Knoten, und Sandra und der junge Mann lachen und entwirren ihn.

„Timo“, sagt er am dritten oder vierten Morgen und streckt ihr die freie Hand hin. „Die Leine vom Mops gehört übrigens Ihnen, glaube ich.“

Timo ist einunddreißig. Das erfährt Sandra auf dem Wochenmarkt an der Isestraße, an einem Dienstag im Mai, unter dem Viadukt, wo die Stände bis zum Eppendorfer Baum reichen und es nach Matjes und Erdbeeren riecht. Er steht vor dem Käsestand, ohne Hunde, und sieht plötzlich viel jünger aus.

„Ohne das Rudel hätte ich Sie fast nicht erkannt“, sagt sie.

„Ich mich auch nicht“, sagt er.

Sie trinken einen Kaffee im Stehen, am Wagen neben dem Blumenhändler. Er erzählt, dass er Sportwissenschaften studiert hat, drei Jahre in einem Fitnessstudio am Grindel gearbeitet hat und dann feststellte, dass Hunde die besseren Kunden sind. „Die beschweren sich nie über das Programm“, sagt er. „Und sie freuen sich jedes Mal, als hätten sie mich seit Wochen nicht gesehen.“

„Das kenne ich“, sagt Sandra, und meint es anders, als es klingt.

Er hat Kunden in ganz Eimsbüttel und Hoheluft. Eine Anwältin am Eppendorfer Weg, ein Paar mit Zwillingen in der Osterstraße, einen Rentner in der Hallerstraße, der nach einer Hüftoperation nicht mehr laufen kann. Er holt die Hunde morgens ab und bringt sie mittags müde zurück. „Und Bruno?“, fragt er. „Braucht Bruno nicht mal Abwechslung?“

Sandra sieht auf ihre Einkaufstasche. Bruno ist elf. Bruno braucht vor allem sein Körbchen und eine Scheibe Fleischwurst am Abend. Sie sagt: „Doch. Eigentlich schon.“

Sie einigen sich auf eine Stunde pro Woche. Donnerstags, zehn bis elf, Einzelbetreuung, weil Bruno mit dem Rudel nicht mehr so schnell ist. Timo würde ihn an der Wohnung abholen und dort auch wieder abgeben. Fünfundzwanzig Euro. Sandra bezahlt bar, im Voraus, für einen ganzen Monat, und als sie nach Hause geht, merkt sie, dass sie auf der Weidenallee den ganzen Weg über gesummt hat.

Zu Hause stellt sie die Einkäufe auf die Arbeitsplatte und bleibt lange davor stehen. Sie hat Spargel gekauft, obwohl Jörg keinen Spargel mag, und einen Strauß Pfingstrosen, den sie sich seit Jahren nicht mehr selbst geschenkt hat. Bruno schnuppert an der Tasche und legt sich dann quer vor den Kühlschrank, wie immer, wenn er etwas wittert, das ihn nichts angeht.

Jörg findet die Idee gut. „Endlich hast du mal Zeit für dich“, sagt er beim Abendbrot, ohne vom Handy aufzusehen. Er meint Pilates oder einen Töpferkurs. Sandra nickt.

Am ersten Donnerstag trägt sie Jeans und einen dünnen Pullover, und sie ändert das dreimal. Timo klingelt um zehn, Bruno stürmt ihm entgegen, als hätte er auf nichts anderes gewartet. Um elf bringt er ihn zurück, erstaunlich munter, und bleibt einen Moment länger in der Tür stehen als nötig. Er schaut an ihr vorbei in den langen Flur mit den Fotos der Kinder.

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„Schöne Wohnung“, sagt er.

„Zu groß“, sagt sie.

Am zweiten Donnerstag bringt er Bruno zurück und fragt, ob er ein Glas Wasser haben könnte. Er trinkt es in ihrer Küche, an die Arbeitsplatte gelehnt, und sie reden über Kanada und über Freiburg und darüber, wie es ist, wenn ein Haus plötzlich leise wird. Er hört zu. Das ist das Erstaunliche an ihm, findet Sandra: Er hört zu, mit der gleichen geduldigen Aufmerksamkeit, mit der er am Kanal die sechs Leinen entwirrt. Er fragt nach. Er lacht an den richtigen Stellen.

„Sie sind zu jung, um so gut zuhören zu können“, sagt sie.

„Und Sie sind zu jung, um so zu reden, als wäre alles schon vorbei“, sagt er.

Sie weiß nicht, was sie darauf antworten soll. Also lacht sie, und dann ist das Glas leer, und er geht.

Am dritten Donnerstag regnet es in Strömen, richtiges Hamburger Wetter, waagerecht vom Kanal herauf. Timo steht um zehn vor der Tür, nass bis auf die Haut, die olivgrüne Jacke hat endlich einen Sinn. Bruno sieht aus dem Flur in den Regen, sieht Timo an, dreht sich um und trottet zurück in sein Körbchen im Wohnzimmer. Er legt den Kopf auf die Pfoten. Er rührt sich nicht mehr.

„Ich glaube“, sagt Timo, „er hat heute keine Lust.“

„Dann kommen Sie wenigstens rein“, sagt Sandra. „Sie tropfen mir das Treppenhaus voll.“

Sie gibt ihm ein Handtuch, eins von den großen, weißen, die sie sonst nur für Gäste nimmt. Er trocknet sich die Haare, und das Handtuch hängt ihm über den Schultern wie einem Boxer nach der letzten Runde. In der Küche setzt sie Wasser auf. Sie merkt, dass ihre Hände zittern, ganz leicht, und stellt die Teedose zweimal ab, bevor sie sie öffnet.

„Sandra“, sagt er. Es ist das erste Mal, dass er ihren Vornamen benutzt.

Sie dreht sich um. Er steht nicht mehr an der Arbeitsplatte, sondern direkt hinter ihr, und er ist größer, als sie gedacht hatte, und er riecht nach Regen und nach nasser Wolle. Draußen trommelt es gegen das Küchenfenster. Irgendwo pfeift der Wasserkocher, und keiner von beiden macht ihn aus.

Später, viel später, wird sie sich daran erinnern, dass sie noch gedacht hat: Ich bin sechsundvierzig. Und dass dieser Gedanke zum ersten Mal seit Jahren nicht wie eine Entschuldigung klang.

Der Tee ist nie getrunken worden.

Es ist jetzt Oktober. Timo kommt immer noch donnerstags, zehn bis elf, manchmal bis zwölf. An schönen Tagen gehen er und Bruno tatsächlich spazieren, eine kleine Runde bis zur Brücke am Weidenstieg, denn ein Hund, der nie ausgeführt wird, fällt irgendwann auf. An den anderen Tagen bleibt Bruno im Körbchen. Er hat sich daran gewöhnt, dass die Küchentür dann eine Weile geschlossen ist. Er hat, soweit Sandra das beurteilen kann, nichts dagegen.

Jörg hat neulich beim Abendbrot gefragt, ob der Hundesitter sein Geld eigentlich wert sei. „Der Hund wirkt so ausgeglichen“, sagte er. „Richtig entspannt.“

Sandra hat ihm Kartoffelsalat nachgelegt. „Ja“, hat sie gesagt. „Das ist mir auch schon aufgefallen.“

Unter dem Tisch hat Bruno geseufzt, sehr tief, wie jemand, der alles weiß und nichts sagt.

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