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Die Unruh

Monika, 47 · Augsburg

Mittwochs um zehn gehe ich auf den Stadtmarkt. So ist es, seit Felix in die fünfte Klasse kam, und so ist es geblieben, seit er aufs Internat am Ammersee geht. Mein Korb ist aus Weide, geflochten von einer Frau aus Friedberg, und er fasst genau das, was ein Haushalt mit einer Person für eine Woche braucht, plus zwei Dinge, die man nicht braucht. Ich fange in der Viktualienhalle an, beim Käse, dann kommt das Gemüse unter freiem Himmel, dann der Metzger in der Fleischhalle, zum Schluss die Blumen.

Michael, mein Mann, führt in Gersthofen eine Firma, die Förderbänder für Lebensmittelbetriebe baut. Vierzig Angestellte, ein Messestand, der jedes Jahr größer wird, und ein Kalender, der aussieht wie ein Flugplan: Hannover, Nürnberg, Köln, Mailand, Chicago. Er ist ein guter Mann, großzügig und laut, er lacht gern und schnarcht auch gern, und wenn er zu Hause ist, füllt er unser Haus in Pfersee bis in die letzte Ecke aus. Wenn er weg ist, ist es sehr groß.

Ich bin siebenundvierzig und habe, das kann ich inzwischen sagen, ohne dass es wehtut, mein halbes Leben damit verbracht, auf Geräusche zu warten. Auf den Schlüssel in der Tür. Auf das Auto in der Einfahrt. Auf Felix' Schritte auf der Treppe. Seit er am Ammersee ist, kommen die Schritte nur noch jedes zweite Wochenende.

Robert stand im Februar vor mir in der Schlange am Kaffeestand zwischen den Hallen, ein großer Mann mit einer Lupe an einem Band um den Hals, die ihm über den Pullover baumelte, als wäre das völlig normal. Er drehte sich um, weil ich ihm aus Versehen meinen Korb in die Kniekehle gerammt hatte.

„Das war jetzt sehr präzise“, sagte er.

„Entschuldigung.“

„Nein, ich meine das ernst. Genau in die Mitte. Das schaffen die wenigsten.“

Er restauriert Uhren. Taschenuhren, Pendeluhren, Turmuhrwerke aus Dorfkirchen im Umland, die ihm auf Paletten angeliefert werden. Seine Werkstatt liegt im Lechviertel an einem der Kanäle, in einem schmalen Haus, in dessen Erdgeschoss früher Leder gegerbt wurde. Vom Arbeitstisch aus sieht man das Wasser vorbeiziehen, grün und schnell, und man hört es auch, ein Rauschen, das irgendwann so selbstverständlich wird, dass man es erst vermisst, wenn man wieder auf der Straße steht.

Den ersten Kaffee tranken wir am Stand. Den zweiten, eine Woche später, in einem Café an der Maximilianstraße mit Blick auf den Herkulesbrunnen, wobei ich die ganze Zeit fürchtete, jemand aus Michaels Golfclub könnte vorbeispazieren. Beim dritten Mal sagte Robert: „Kommen Sie doch mit in die Werkstatt. Der Kaffee ist dort schlechter, aber es schaut keiner.“

Ich ging mit. Es war März, und über den Kanälen hing noch dieser feuchte Dunst, der morgens aus dem Wasser steigt. Unterwegs kamen wir an der Fuggerei vorbei, hinter deren Mauer die Leute seit fünfhundert Jahren für einen Gulden Jahresmiete wohnen und täglich für die Stifter beten. Robert erzählte, er habe dort einmal eine Standuhr repariert, bei einer alten Dame, die ihm zum Dank ein Vaterunser versprach. „Das beste Honorar meines Lebens“, sagte er. „Nur für die Miete hat es nicht gereicht.“

In der Werkstatt tickte es von allen Wänden, leise und gegeneinander, als beharre jede Uhr auf ihrer eigenen Meinung. Er zeigte mir, wie eine Unruh funktioniert, dieses winzige Rad, das hin und her schwingt und die Zeit in gleiche Stücke teilt. Er klemmte mir die Lupe ins Auge und stellte sich hinter mich, damit ich stillhielt, und ich hielt still, aber nicht wegen der Lupe.

„Die Unruh ist das Herz der Uhr“, sagte er dicht an meinem Ohr. „Ohne sie läuft alles auf einmal ab.“

„Und mit ihr?“

„Mit ihr hat man Zeit.“

An diesem Vormittag hatte ich mir nichts vorgenommen und nichts verboten. Das war neu. Siebenundvierzig Jahre lang hatte es für alles eine Liste gegeben, für den Markt, für Felix' Koffer, für die Gäste, die Michael zum Grillen einlud, ohne vorher zu fragen. Für Robert gab es keine Liste. Es gab nur den Kanal, der unter dem Fenster vorbeirauschte, und einen Mann, der mir die Lupe aus dem Auge nahm, sie behutsam auf den Tisch legte und fragte, ob ich noch einen Kaffee wolle, obwohl wir beide wussten, dass der Kaffee miserabel war.

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Die Mittwoche bekamen eine neue Ordnung. Um zehn der Markt, weil ich den vollen Korb vorzeigen musste, und sei es nur vor mir selbst. Um elf die Werkstatt, die Tür, die er von innen abschloss, das Schild „Bin gleich zurück“, das er ins Fenster hängte, obwohl er nirgendwohin ging. Das Rauschen des Kanals, die tickenden Wände, eine schmale Stiege hinauf in zwei Zimmer mit Dachschrägen, in denen er wohnte. Er lebte seit zehn Jahren allein, geschieden, ein erwachsener Sohn in Berlin. Er stellte keine Fragen, die ich nicht beantworten wollte. Seine Hände waren es gewohnt, mit sehr kleinen, sehr zerbrechlichen Dingen umzugehen, und genau so gingen sie mit mir um. Um eins stand ich wieder am Rathausplatz, den Korb voller Gemüse, das inzwischen ein wenig welk aussah, und nahm am Königsplatz die Straßenbahn nach Pfersee.

Michael rief meistens abends an, aus Hotelzimmern, in denen im Hintergrund ein Fernseher lief. Er erzählte von Aufträgen und Kunden, ich erzählte vom Markt, vom ersten Spargel aus Schrobenhausen, vom Käsehändler, der seine Preise erhöht hatte. Alles davon stimmte. Es fehlte nur eine Stunde, jede Woche, und niemand vermisste sie.

Im Flur unseres Hauses steht eine Standuhr. Sie hat Michaels Großvater gehört, einem Braumeister aus Göggingen, und sie ist an dem Tag stehen geblieben, an dem wir eingezogen sind, vor achtzehn Jahren. Viertel nach drei zeigt sie seitdem. Michael hat immer gesagt, er lasse sie irgendwann richten, und irgendwann ist ein Wort, das in unserem Haus eine lange Tradition hat.

Im Juni war Michael zehn Tage auf einer Messe in Chicago. Felix war im Schullandheim, die Putzfrau im Urlaub, die Nachbarn am Gardasee. Ich fragte Robert, ob er sich die Uhr einmal ansehen könne. Er nickte nur.

Er kam an einem Mittwoch um zwei, zu Fuß von der Haltestelle, mit einer abgewetzten Ledertasche voller Werkzeug. Er fragte nicht nach der Küche, nicht nach dem Garten, nicht nach den Fotos an der Wand, auf denen Michael Pokale in die Höhe hält. Er ging direkt zur Uhr, öffnete den Kasten, schaute hinein und pfiff leise.

„Da hat jemand das Pendel falsch eingehängt“, sagte er. „Vor langer Zeit.“

„Vor achtzehn Jahren.“

„Das ist für so eine Uhr gar nichts.“

Eine Stunde arbeitete er daran, auf den Knien, im Flur, während ich auf der untersten Treppenstufe saß und zusah. Dann stieß er das Pendel an, und das große, leere Haus in Pfersee fing an zu ticken. Ich weiß nicht, warum ich geweint habe. Robert schloss seine Tasche, setzte sich neben mich auf die Stufe und wartete. Irgendwann stand ich auf und reichte ihm die Hand, und wir gingen die Treppe hinauf, zum ersten Mal in diesem Haus, während unten die Uhr die Viertelstunden schlug. Was oben geschah, bleibt oben. Ich habe nur die Schläge gezählt. Es waren sieben, bis er ging.

Am Abend bin ich allein an die Wertach gegangen, den Uferweg entlang, wo das Wasser über die flachen Stufen im Flussbett rauscht, und habe gemerkt, dass ich diesen Rhythmus mitnahm, dieses Ticken, als hätte jemand auch in mir ein Pendel angestoßen.

Michael kam an einem Samstag zurück, müde und blass von zehn Tagen in klimatisierten Messehallen. Er stellte den Koffer in den Flur und blieb stehen.

„Die Uhr geht ja“, sagte er.

„Ich habe jemanden kommen lassen.“

„Endlich.“ Er klopfte zweimal auf das Gehäuse, zufrieden, so wie man einem Pferd den Hals klopft. „Was hat's gekostet?“

„Nicht viel“, sagte ich. „Ein bisschen Zeit.“

Seitdem schlägt sie jede Viertelstunde für das ganze Haus. Nur mittwochs, zwischen zehn und eins, schlägt sie für niemanden.

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